Der Campingplatz in Inari hat uns etwas entnervt, ohne die geplante Bootstour wären wir nur eine Nacht geblieben. Der Platz war sehr gut besucht, von den 50 Plätzen und 39 Hütten war fast alles ausgebucht. Das ist gut für den Besitzer, anstrengend für die Gäste - bei insgesamt 6 WCs und 6 Duschen, jeweils 3 für die Mädels und 3 für die Jungs. Und wir lernen, was ein Hotelbus ist. Schätzungsweise waren in dem Modell auf dem Campingplatz 16 Personen plus 2 Fahrer, für uns unvorstellbar, in den im Internet abgebildeten sarggroßen Kabinen zu übernachten.
Die Überraschung kam etwas später, als 2 weitere PhoeniX WoMos auf dem Platz auftauchten, natürlich Deutsche. Am Freitag leert sich dann der Platz, wir ziehen als eine der letzten ab, da kann man in aller Ruhe Wasser ablassen und frisches tanken. Auch die interessante Möglichkeit, die Toilettenkassette zu reinigen, war notwendig (aufgrund der Sanitäranlagen des Platzes) und haben wir genutzt. Die positive Bewertung des Reiseführers konnten wir nicht ganz nachvollziehen.
Der E 75 ist erstaunlich stark befahren, wir waren von einer einsameren Strecke ausgegangen. Erst hinter Kaamanen wird es ruhiger, dort biegt die Straße 92 Richtung Nordkapp ab. Wir sind immer noch gespannt auf die Tundra, bekommen wieder mal eine Wolke mit Starkregen ab ansonsten ändert sich an der Vegetation nur wenig, die Birken werden niedriger, die Wälder sind ab und zu unterbrochen von Feuchtgebieten mit Wollblumen, die hier oben immer noch blühen und so gelangen wir nach Utsjoki, einer Grenze nach Norwegen. Wir bleiben kurz stehen, besichtigen die Brücke über den Grenzfluss Tenojoki bzw. Tana und entscheiden uns angesichts der frühen Stunde weiter zu fahren. Wenn wir schon mal hier sind, können wir auch zum nördlichsten Punkt der EU fahren, nach Nuorgam. Hier erreichen wir den 70. Breitengrad, das Nordkapp liegt auf dem 71., der nördliche Polarkreis auf dem 66. Breitengrad. Hier gibt es natürlich auch einen Campingplatz, darüber hinaus sind in dem 200 Seelendorf Nuorgam zwei Tankstellen, zwei Supermärkte, zwei Baumärkte, ein Alko und ein Bekleidungsgeschäft angesiedelt. Das zeugt von dem regen Tourismus der Norweger, die hierher gerne zum Einkauf kommen.
Der Campingplatz liegt am Fluss Tenojoki, ist ein bekannter Lachsfluss, hier kann man kleine Boote zum Angeln mieten. Am Ufer sind Holzstühle mit Tischen bereitgestellt, eine Feuerstelle bietet den Mücken Einhalt und man kann die beiden samischen Hütten nutzen, zum Grillen, sich Aufwärmen, auf den Fluss schauen. Ein Campingplatz ohne Sauna kann man sich in Finnland nicht vorstellen, auch wenn man sie stundenweise mieten muss. Die Sanitäranlagen rechtfertigen den hohen Preis, endlich mal wieder ein Platz, auf dem man die Dusche und Toilette nutzen kann. Der Boden ist gekachelt, die Dusche ist mit Fußbodenheizung ausgestattet - zusammen mit dem (vorhergesagten) sonnigen Wetter verlängern wir um eine Nacht. Gegen Mittag reißt die Wolkendecke über Norwegen auf, die sonnigen Abschnitte erreichen bald auch die finnische Seite und wir machen uns auf den Weg zum Fjällgipfel. Wir starten auf der Straße Richtung Pulmankijärvi, nach jeder Kurve eröffnet der Blick einen weiteren Hügel, der zu erglimmen ist. Auf der Seite ist die Scuter-Strecke zu erkennen, markiert durch rote Holzkreuze, auch Hinweise zur Langlaufloipe sind vorhanden. Am Rentiergatter erreichen wir einen Wanderweg durch das Fjäll zum See, da wir die Verpflegung vergessen haben bleiben wir weiter auf der Straße. Am Gipfel, d.h. auf gut 200 Meter Höhe ist der Weg zum See nur noch 1,5 km weit, und es gibt einen Hinweis auf ein „Topographic memorial“. Die aufeinander gestapelten Steine/Felsen sehen nach einem historischen Fund aus - sie stammen aus 2007. Am Topographic memorial (ein großer Felsbrocken mitten im Fjäll mit kleiner schwarzer Tafel) finden wir heraus, dass hier zwischen 1992 und 2007 das Land vermessen wurde und als Abschluss ein Boot aus Steinen gestapelt wurde. Die Tisch-Sitz-Gruppe ist ein von der EU gefördertes Kunstwerk - ob das ein Brexit-Befürworter mal gesehen hat?
Auf dem Weg bergab kommt uns ein Auto mit Anhänger entgegen und ich lästere, dass man doch mit den darauf liegenden Mountainbikes hochfahren müsste und nicht mit dem Auto. Wir werden kurz danach davon überrascht, dass tatsächlich erst die beiden etwa 8-jährigen Söhne, dann der Papa und zum Schluss die etwa 5-jährige Tochter mit den Fahrrädern an uns vorbei ins Tal sausen. Und eine darf mit dem Auto hinterher fahren (und gegebenenfalls aus dem Graben rausholen).
Durch die Nässe wachsen hier unglaublich viele Pilze. Leider kennen wir diese nicht gut genug um selbst zu Sammeln. Was ich bisher nur vom Hörensagen kannte sind Fliegenpilze. Jetzt kann ich diese giftigen Pilze tatsächlich mal in natura bestaunen, direkt auf dem Campingplatz wächst ein Prachtexemplar. Und nachdem ich schon in Sodankylä die Fliegenpilzfamilie nicht fotografiert hatte, lasse ich mir diese Gelegenheit nicht entgehen.
Leider war uns das Wetter nicht hold, die regenfreien Abschnitte sind zu kurz für eine längere Wandertour zum See. Zumindest den Abendspaziergang nutzen wir noch, um norwegischen Boden zu betreten. Die Grenze ist mit einem Gedenkstein versehen, der nördlichste Punkt der EU, ansonsten gibt es nur den Hinweis, dass die nächste Zollstation in 3 km Entfernung in Polmak liegt - und am Wochenende geschlossen ist, eingeführte Waren bitte zwischen 9 und 17 Uhr verzollen.
Wir würden gerne noch ein bisschen Sommer mitbekommen, hier färben sich bereits die Blätter bunt, sofern es überhaupt noch Birken gibt. Auf der Fahrt Richtung Ivalo fallen die unglaublichen Mengen an Pilzen am Straßenrand auf, hier ist es halt wirklich richtig feucht und es gibt kaum Pilzesammler. Eventuell liegt es aber auch daran, dass diese Pilze giftig oder ungenießbar sind, um das zu beurteilen reichen unsere Pilzkenntnisse nicht aus. In Ivalo liegt der angepeilte Campingplatz direkt an der Straße E 75, das ist uns zu ungemütlich, also blasen wir durch bis Sodankylä. Diesen Platz kennen wir bereits, glücklicherweise ist wenigstens ein Teil der Campingwiese wieder abgetrocknet und nur noch ein kleiner Teil steht unter Wasser und so lassen wir nach dem Essen im "Piitsi Pubi“ den Tag mit einem Verdauungsspaziergang an der alten Kirche vorbei über den Naturlehrpfad ausklingen.
Die Fahrt gestern war ziemlich lang, dafür ist die Strecke von Sodankylä nach Rovaniemi kürzer. Wir erreichen schon vor 14 Uhr den Stadt-Campingplatz und sind gespannt auf die Stadt. Die letzte Stadt-Besichtigung liegt schon einige Zeit zurück, wir freuen uns auf einen netten Spaziergang. Beim Start setzt der erste Schauer ein, der Wind ist stürmisch, die Brücke über den Kemijoki ist für die Autos überdacht, da der Zug drüber fährt und die FußgängerInnen und RadlerInnen sind dem stürmischen Regen ausgesetzt - wegen einer Baustelle auch noch auf der Wetterseite. Zum Glück hält der Schauer nicht lange an, genauso wie alle folgenden Schauer und die sonnigen Abschnitte auch, und so gelangen wir in die Innenstadt. Diese Stadt ist im Reiseführer interessanter dargestellt als wir sie erleben, unsere Erwartungen werden ziemlich enttäuscht. Heute gehen wir zum zweiten mal in Finnland in ein Cafe, es ist unfassbar teuer (2,90 € für einen Kreppel, die 5,20 € für ein Stück Schokoladentorte waren Heiko dann doch zu viel) und auch die asiatischen Restaurants behalten ihre Speisekarte lieber für sich - oder bieten Buffet an. Wir sind aber keine Buffet-Liebhaber und beschließen, wieder selbst zu kochen. Mit dem teuersten Campingplatz der bisherigen Tour arrangieren wir uns auch nur für eine Nacht. Uns bleibt die Hoffnung, dass Finnland unsere Herzen doch noch irgendwann erobern wird.
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